Kurz beantwortet
Natürliche Parfümrohstoffe werden vor allem durch Wasserdampfdestillation, Kaltpressung und Extraktion mit Lösungsmitteln oder überkritischem Kohlendioxid gewonnen; die Enfleurage mit Fett ist historisch und wird kaum noch praktiziert. Die Ausbeuten liegen meist im Promillebereich des Pflanzenmaterials. Tierische Rohstoffe wie Moschus und Zibet ersetzt die Industrie heute fast vollständig durch synthetische Riechstoffe.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Wasserdampfdestillation ist das gebräuchlichste Verfahren; die Ausbeute liegt laut deutschsprachiger Wikipedia „in der Regel im ein- bis zweistelligen Promillebereich“.
- Jasmin, Tuberose und Mimose lassen sich nicht wasserdampfdestillieren – ihre Duftstoffe werden über Lösungsmittel zu Konkret und Absolue verarbeitet.
- Für Rosenöl nennen die Quellen unterschiedliche, aber durchweg extreme Verhältnisse: vier Tonnen Blüten je Liter Öl (de.wikipedia) beziehungsweise etwa 1:3.000 (en.wikipedia).
- Grasse gilt als Zentrum der französischen Duftstoffindustrie; laut englischsprachiger Wikipedia werden dort jährlich rund 27 Tonnen Jasmin geerntet.
- Echter Moschus stammt aus der Drüse männlicher Moschustiere; heute dominieren Ersatzstoffe wie Galaxolid und Tonalid, mehrere Nitromoschus-Verbindungen sind in der EU verboten.
- Die IFRA-Standards verbieten, beschränken oder spezifizieren einzelne Riechstoffe – Naturextrakte wie Eichenmoos ebenso wie synthetische Moleküle.
- „Natürlich“ heißt nicht „allergenfrei“: Seit dem 31. Juli 2026 greift eine erweiterte Allergen-Kennzeichnung, viele der Stoffe stammen aus Naturextrakten.
Wie aus Blüten, Hölzern und Gewürzen Duft wird
Ein Parfümrohstoff ist nie die Pflanze selbst, sondern immer ein Auszug daraus. Welches Verfahren infrage kommt, entscheidet die Pflanze – genauer: ob ihre Duftmoleküle Hitze vertragen.
Bei der Wasserdampfdestillation wird Wasserdampf in einen verschlossenen Kessel mit zerkleinertem Pflanzenmaterial eingeblasen. Der Dampf treibt das ätherische Öl aus, das Gemisch kondensiert in einem gekühlten Rohr, und im Auffangbehälter trennt sich das Öl von der wässrigen Phase. Es ist das gebräuchlichste Verfahren und für die meisten Pflanzen geeignet.
Die Kaltpressung kommt hauptsächlich bei Zitrusölen zum Einsatz: Die Schalen werden gepresst, es entsteht eine Emulsion, und das Öl wird durch Zentrifugieren abgetrennt – ohne Hitze, ein Vorteil bei den empfindlichen Frischenoten.
Bei der Extraktion mit Lösungsmitteln werden dem Pflanzenmaterial alle löslichen Aromastoffe entzogen – zugleich aber Wachse und Farbstoffe. Als Lösungsmittel dienen unter anderem Hexan, Florasol oder überkritisches Kohlenstoffdioxid. Nach dem Abdestillieren bleibt eine wachsartige Masse zurück, das Konkret; nochmals mit Alkohol extrahiert oder destilliert, ergibt es das Absolue. Eine Rückstandskontrolle stellt sicher, dass kein Lösungsmittel im fertigen Öl verbleibt.
Die Enfleurage ist das älteste bekannte Verfahren zur Konservierung pflanzlicher Duftstoffe. Bei der Kaltenfleurage wird tierisches Fett – Schweineschmalz oder Rindertalg – auf Glasplatten gestrichen und ein bis drei Tage mit Blütenblättern belegt, immer wieder mit frischem Material. Das gesättigte Fett heißt Enfleurage-Pomade; in Ethanol ausgezogen ergibt sie ebenfalls ein Absolue. Das Verfahren entstand im 18. Jahrhundert in Südfrankreich, ist aber extrem aufwendig und wurde von Lösungsmittel- und überkritischer Extraktion abgelöst.
| Verfahren | Typische Rohstoffe | Ergebnis | Status heute |
|---|---|---|---|
| Wasserdampfdestillation | Lavendel, Rose, Nadelhölzer, Gewürze | Ätherisches Öl | Standardverfahren |
| Kaltpressung (Expression) | Zitrusschalen | Ätherisches Öl | Standard bei Zitrus |
| Extraktion mit Lösungsmitteln | Jasmin, Tuberose, Mimose | Konkret, daraus Absolue | Standard bei Blütenölen |
| Überkritische CO₂-Extraktion | Blüten, Gewürze, Harze | Extrakt | Etabliert, lösungsmittelarm |
| Enfleurage | Jasmin, Tuberose | Pomade, daraus Absolue | Historisch, kaum noch praktiziert |
| Trockendestillation | Rinden, Stängel | Destillat | Spezialfall ohne Wasserzusatz |
Warum ein Liter Rosenöl Tonnen von Blüten kostet
Die Preise natürlicher Rohstoffe erklären sich fast vollständig über die Ausbeute. Für die Wasserdampfdestillation gibt die deutschsprachige Wikipedia an, dass sie „in der Regel im ein- bis zweistelligen Promillebereich“ des Ausgangsmaterials liegt – aus einer Tonne Pflanzenmaterial also einige hundert Gramm bis einige Kilogramm Öl.
Beim Rosenöl gehen die Angaben auseinander, und das gehört zur Wahrheit dazu: Die deutschsprachige Wikipedia schreibt, aus vier Tonnen Blüten werde etwa ein Liter destilliert; die englischsprachige nennt je nach Verfahren und Art rund 1:3.000. Beide führen zur selben Größenordnung – mehrere Tonnen Blüten je Liter Öl. Eine exakte, allgemeingültige Zahl gibt es nicht.
Dazu kommt der Ernteaufwand. Jasmin und Tuberose lassen sich nicht wasserdampfdestillieren – die Hitze würde die empfindlichen Moleküle zerstören oder verändern. Für sie führt der Weg über die Extraktion zu Konkret und Absolue, was zusätzliche Verarbeitungsschritte und Verluste bedeutet.
Woher die Rohstoffe kommen
Grasse in Südfrankreich gilt als Welthauptstadt des Parfüms; die Stadt wurde zum Gründerzentrum der europäischen Parfümindustrie, nachdem dort 1580 ein Duftstofflabor entstand, und konzentrierte sich ab dem 17. Jahrhundert auf Blütenauszüge. Die englischsprachige Wikipedia beziffert die dortige Jasminernte auf rund 27 Tonnen jährlich und beschreibt Grasse als Standort von über zwei Dritteln der französischen Naturduftstoffe. Angebaut werden unter anderem Jasmin, Orangenblüte, Rose, Lavendel, Myrte und Mimose – ein großer Teil des verarbeiteten Materials wird heute allerdings importiert.
Beim Rosenöl liegen die Anbauschwerpunkte in Bulgarien, Frankreich, dem Iran, Marokko und der Türkei; laut deutschsprachiger Wikipedia stammen rund 70 Prozent der Weltproduktion aus Bulgarien. Eichenmoos (Evernia prunastri), eine Flechte und klassischer Basisnoten-Rohstoff, wird laut englischsprachiger Wikipedia vor allem in süd- und mitteleuropäischen Ländern geerntet und überwiegend nach Grasse exportiert.
Natürlich, naturidentisch, synthetisch – was die Begriffe bedeuten
Als Riechstoff gilt jeder natürliche oder synthetische Stoff, der wahrgenommen einen Geruch entwickelt. Der Ausdruck Duftstoff wird oft synonym verwendet, ist streng genommen aber auf Riechstoffe beschränkt, die von Pflanzen oder Tieren gebildet werden.
Innerhalb der synthetischen Riechstoffe unterscheidet man zwei Fälle. Naturidentische Stoffe stimmen chemisch mit einer in der Natur vorkommenden Verbindung überein, werden aber im Labor hergestellt – Vanillin ist das bekannteste Beispiel. Rein synthetische Riechstoffe haben kein natürliches Vorbild; sie erschließen Gerüche, die sich nicht aus Pflanzen gewinnen lassen, oder ersetzen Rohstoffe, deren Gewinnung problematisch ist.
Aus der Herkunft eines Riechstoffs folgt weder seine Qualität noch seine Verträglichkeit. Naturextrakte sind Vielstoffgemische mit schwankender Zusammensetzung, deren Duft von Ernte zu Ernte variiert; synthetische Einzelstoffe sind reproduzierbar. Beide Gruppen unterliegen denselben Sicherheitsregeln – und in beiden gibt es beschränkte und verbotene Stoffe.
Moschus, Ambra, Zibet: was heute tatsächlich im Flakon ist
Die drei klassischen tierischen Rohstoffe stehen in fast jedem Parfüm-Lexikon – in der heutigen industriellen Praxis spielen sie kaum noch eine Rolle. Moschus ist das getrocknete, stark riechende Sekret aus dem Moschusbeutel männlicher Moschustiere. Bis Ende der 1950er-Jahre mussten die Tiere dafür getötet werden; heute betreibt China Moschusfarmen, in denen die Drüse ausgeschabt wird – nach Angaben der deutschsprachigen Wikipedia etwa zehn Gramm pro Tier und Jahr, bei schlechterer Qualität. Ersatzstoffe gibt es seit 1888, als Albert Baur die ersten Nitromoschus-Verbindungen synthetisierte. Heute dominieren polycyclische Verbindungen, vor allem Galaxolid (HHCB) und Tonalid. Moschus-Ambrette, Moschus-Mosken und Moschus-Tibeten wurden in der EU 1995 beziehungsweise 2000 verboten.
Ambra ist – anders als oft geschrieben – kein Harz, sondern eine wachsartige Substanz aus dem Verdauungstrakt des Pottwals, die nur etwa ein Prozent der Tiere bildet. Die Rechtslage ist differenziert: Auf natürlichem Weg ausgeschiedene Ambra gilt als Ausscheidungsprodukt und fällt nicht unter das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES). In den USA sind Besitz und Handel dennoch durch den Endangered Species Act von 1973 verboten, Australien untersagt kommerziellen Im- und Export. In der Parfümerie ist Ambra überwiegend durch synthetisches Ambroxid ersetzt.
Zibet ist ein Sekret aus Drüsensäcken männlicher afrikanischer und asiatischer Zibetkatzen, das durch Auskratzen gewonnen wird – etwa acht bis zehn Gramm je Tier in zehn Tagen. Unverdünnt riecht es faulig, erst stark verdünnt moschusartig-ledrig. Die Käfighaltung steht seit Langem in der Kritik. In der Parfümerie werden heute fast nur noch künstlich hergestellte Ersatzduftstoffe verwendet.
Was die IFRA-Standards begrenzen – und warum es Naturstoffe genauso trifft
Die International Fragrance Association (IFRA) wurde 1973 gegründet und sitzt in Genf. Sie ist eine Selbstregulierungsorganisation der Duftstoffindustrie. Ihre Standards teilen Riechstoffe in drei Kategorien ein: verboten (Prohibition), mengenmäßig beschränkt (Restriction) und mit Spezifikationen belegt (Specification). Die durchsuchbare Standards-Bibliothek umfasst mehrere Hundert Einträge, ganz überwiegend Beschränkungen.
Die Bibliothek führt Amendments bis zur Nummer 51; am 12. Dezember 2025 hat IFRA die öffentliche Konsultation zum 52. Amendment eröffnet, die bis zum 12. Juni 2026 lief. Rechtlich verbindlich sind die Standards nicht – sie sind Branchenselbstverpflichtung, werden in der Praxis aber wie eine Vorgabe behandelt.
Die Beschränkungen treffen Naturextrakte genauso wie synthetische Moleküle. Eichenmoos ist das bekannteste Beispiel – seine Verwendung ist durch IFRA-Regeln stark eingeschränkt, und zahlreiche Düfte wurden in den vergangenen Jahren neu formuliert. Wer wissen will, warum ein Klassiker heute anders riecht als vor zwanzig Jahren, findet hier einen Teil der Antwort: Duftzwillinge: Wie die Listen entstehen und was erlaubt ist.
„Natürlich“ heißt weder „allergenfrei“ noch „geschützter Begriff“
Ein großer Teil der kennzeichnungspflichtigen Duftstoffallergene stammt aus natürlichen Quellen – aus ätherischen Ölen, Naturextrakten und Harzen. Die EU hat die Liste der einzeln zu deklarierenden Allergene mit der Verordnung (EU) 2023/1545 deutlich erweitert. Die Pflicht greift ab 0,001 Prozent in Produkten, die auf der Haut verbleiben, und ab 0,01 Prozent in abzuspülenden Produkten.
Die Übergangsfristen sind großzügig: Nicht konforme Mittel durften bis zum 31. Juli 2026 in Verkehr gebracht werden und dürfen noch bis zum 31. Juli 2028 auf dem Markt bereitgestellt werden – in den Regalen stehen also jahrelang Flakons mit der alten, kürzeren Liste. Mehr dazu: Eau de Toilette vs. Eau de Parfum.
Auch „Naturparfum“ ist kein rechtlich definierter Begriff. Es gibt keine EU-Verordnung, die festlegt, ab welchem Anteil natürlicher Rohstoffe ein Duft so heißen darf. Was es gibt, sind private Zertifizierungssysteme mit eigenen Kriterienkatalogen – wer sich darauf verlassen will, muss das konkrete Siegel nachlesen, nicht das Wort auf der Vorderseite.
Auch die verbreitete Gleichung „natürlich gleich umweltfreundlich“ trägt nicht ohne Weiteres. Bei Ausbeuten im Promillebereich ist der Materialeinsatz je Kilogramm Endprodukt entsprechend hoch. Beide Wege haben Kosten; eine pauschale Rangordnung lässt sich daraus nicht ableiten.
Häufige Fragen
Wie werden natürliche Duftstoffe gewonnen?
Am häufigsten durch Wasserdampfdestillation: Dampf treibt das ätherische Öl aus zerkleinertem Pflanzenmaterial, danach wird das Öl von der wässrigen Phase getrennt. Zitrusöle werden aus den Schalen kaltgepresst. Blütendüfte, die Hitze nicht vertragen, werden mit Lösungsmitteln oder überkritischem Kohlendioxid extrahiert.
Was ist der Unterschied zwischen Konkret und Absolue?
Das Konkret ist die wachsartige Masse, die nach der Lösungsmittelextraktion übrig bleibt; es enthält neben den Duftstoffen auch Wachse und Farbstoffe. Nochmals mit Alkohol extrahiert oder destilliert, ergibt es das Absolue – die konzentrierte, wachsfreie Duftfraktion.
Wird Enfleurage heute noch verwendet?
Kommerziell praktisch nicht mehr. Das Verfahren entstand im 18. Jahrhundert in Südfrankreich und war für hitzeempfindliche Blüten wie Jasmin und Tuberose lange alternativlos, ist aber extrem arbeits- und kostenintensiv und wurde durch Lösungsmittel- und überkritische Extraktion abgelöst.
Enthalten Parfüms heute noch echten Moschus oder echte Ambra?
In der industriellen Parfümerie in aller Regel nicht. Bei Zibet werden laut deutschsprachiger Wikipedia fast nur noch künstliche Ersatzstoffe verwendet, bei Moschus dominieren Galaxolid und Tonalid, und Ambra ist überwiegend durch Ambroxid ersetzt.
Sind natürliche Parfümrohstoffe verträglicher als synthetische?
Nein, das lässt sich so nicht sagen. Ein großer Teil der in der EU kennzeichnungspflichtigen Duftstoffallergene stammt aus natürlichen Quellen. Auch die IFRA-Standards beschränken Naturextrakte – Eichenmoos ist das bekannteste Beispiel. Die Herkunft eines Riechstoffs sagt nichts über seine Hautverträglichkeit aus.
Ergänzendes Videomaterial ist auf YouTube abrufbar: Video zur Rohstoffgewinnung.
Quellen
- IFRA Standards Library – Verbote, Beschränkungen, Spezifikationen
- IFRA Press Releases – Konsultation zum 52. Amendment (12.12.2025)
- Verordnung (EU) 2023/1545 – Kennzeichnung von Duftstoffallergenen
- Wikipedia: Ätherische Öle – Verfahren, Konkret und Absolue, Ausbeuten
- Wikipedia: Enfleurage – Verfahren, Pomade, Ablösung durch Extraktion
- Wikipedia: Moschus – Gewinnung, synthetische Ersatzstoffe, EU-Verbote
- Wikipedia: Zibet – Gewinnung, Tierschutzkritik, synthetischer Ersatz
- Wikipedia: Ambergris – Herkunft, CITES-Status, Handelsverbote
- Wikipedia: Rosenöl – Anbaugebiete und Ausbeute
- Wikipedia: Grasse – Duftstoffindustrie, Jasminernte
- Wikipedia: Oakmoss – Art, Erntegebiete, IFRA-Beschränkung
- Wikipedia: IFRA – Gründung 1973, Sitz Genf, Selbstregulierung