Anne-Sophie Mutter Geigen: Ihre Stradivari-Instrumente

Anne-Sophie Mutter Geigen: Ihre Stradivari-Instrumente

Anne-Sophie Mutter besitzt zwei Stradivari-Violinen: die „Emiliani“ von 1703, 1979 bei J & A Beare in London gekauft, und die „Lord Dunn-Raven“ von 1710, 1984 bei Bein & Fushi in Chicago erworben. Öffentlich spielt sie überwiegend die Lord Dunn-Raven. Beide Instrumente hat sie gekauft, nicht geliehen. Dazu gehören ihr zwei moderne Geigen.

Das Wichtigste in Kürze

  • „Lord Dunn-Raven“ (1710) — ihr hauptsächlich gespieltes Konzertinstrument, 1984 bei Bein & Fushi in Chicago gekauft.
  • „Emiliani“ (1703) — 1979 bei J & A Beare in London gekauft, ihr erstes Stradivari-Instrument.
  • Beide stammen aus Stradivaris goldener Periode, die je nach Quelle mit 1700 bis 1720 beziehungsweise 1725 angegeben wird.
  • Laut englischsprachiger Wikipedia besitzt sie zusätzlich eine Finnigan-Klaembt (1999) und eine Regazzi (2005), also zwei moderne Geigen.
  • Von rund 1.100 gebauten Stradivari-Instrumenten sind etwa 650 erhalten.
  • Die teuerste öffentlich versteigerte Stradivari ist die „Lady Blunt“ (1721): 21. Juni 2011, Auktionshaus Tarisio, rund 15,9 Millionen US-Dollar.
  • Karajan hörte Mutter 1976 beim Lucerne Festival, nicht bei einem Wettbewerb. Das Orchesterdebüt folgte am 29. Mai 1977 bei den Salzburger Pfingstkonzerten.
  • Ihre Debütaufnahme von 1978 waren die Mozart-Violinkonzerte Nr. 3 und 5 mit Karajan und den Berliner Philharmonikern.
  • Blindtests von Claudia Fritz und Kollegen (PNAS, 2012 und 2014) zeigen: Alte italienische Geigen sind moderner Spitzenware nicht zuverlässig überlegen.

Welche Geigen spielt Anne-Sophie Mutter?

Anne-Sophie Mutter besitzt zwei Violinen von Antonio Stradivari: die „Emiliani“ von 1703 und die „Lord Dunn-Raven“ von 1710. Nach Angaben der englischsprachigen Wikipedia tritt sie überwiegend mit der Lord Dunn-Raven auf. Beide sind Instrumente aus Stradivaris goldener Periode.

Woher die Beinamen stammen, lässt sich mit den hier geprüften Quellen nicht klären. Historische Geigen tragen üblicherweise die Namen früherer Besitzer, doch für die konkrete Herleitung von „Emiliani“ und „Lord Dunn-Raven“ gibt es in den offiziellen Quellen und in beiden Wikipedia-Fassungen keine Angabe. Behauptungen über eine italienische Adelsfamilie oder einen englischen Lord finden sich im Netz, aber ohne Beleg.

Ihr Instrumentarium besteht außerdem nicht nur aus Alter Ware: Die englischsprachige Wikipedia führt eine Finnigan-Klaembt von 1999 und eine Regazzi von 2005 auf — beides Geigen zeitgenössischer Bauart.

InstrumentBaujahrErworbenBei wem
Stradivari „Emiliani“17031979J & A Beare, London
Stradivari „Lord Dunn-Raven“17101984Bein & Fushi, Chicago
Finnigan-Klaembt1999keine Angabekeine Angabe
Regazzi2005keine Angabekeine Angabe

Gekauft, nicht geliehen: wie Mutter an ihre Stradivari kam

Die verbreitete Darstellung, Mutter habe ihre erste Stradivari von Mäzenen als Dauerleihgabe bekommen, trifft nicht zu. Nach Angaben der englischsprachigen Wikipedia hat sie beide Instrumente gekauft: die Emiliani 1979 beim Londoner Handelshaus J & A Beare, die Lord Dunn-Raven 1984 beim Chicagoer Händler Bein & Fushi. Beide Firmen sind Geigenhändler und Gutachter — keine Auktionshäuser.

Das ist ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Bei Spitzensolisten kommen vier Wege vor: Kauf aus eigenen Mitteln, Dauerleihgabe durch eine Stiftung, Leihgabe eines privaten Eigentümers oder — selten — Erbschaft. Mutter gehört zur ersten Gruppe. 1979 war sie 16 Jahre alt und hatte gerade ihre erste Platte bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht.

Karajan, Luzern 1976 und Salzburg 1977

Die Geschichte, Herbert von Karajan habe die 13-Jährige bei einem Schweizer Jugendmusikwettbewerb spielen hören, ist falsch. Es war kein Wettbewerb, sondern ein Konzert: Mutter gab am 23. August 1976 ihr Recital-Debüt beim Lucerne Festival. Karajan hörte sie dort und lud sie nach Salzburg ein.

Das Konzertdebüt mit den Berliner Philharmonikern folgte am 29. Mai 1977 bei den Salzburger Pfingstkonzerten mit Mozarts Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur. Im Sommer 1977 kam das Debüt bei den Salzburger Festspielen dazu.

Aus dieser Verbindung entstand 1978 auch ihre Debütaufnahme für die Deutsche Grammophon — und die war nicht das Beethoven-Konzert, wie oft geschrieben wird, sondern die Mozart-Violinkonzerte Nr. 3 und 5 mit Karajan und den Berliner Philharmonikern. Die Aufnahme erhielt 1979 den Grand Prix International du Disque. Beethoven, Brahms, Bruch und Mendelssohn folgten in den Jahren danach.

Was eine Stradivari aus der goldenen Periode ausmacht

Antonio Stradivari (etwa 1644 bis 18. Dezember 1737) baute in Cremona schätzungsweise 1.116 Instrumente, darunter rund 960 Violinen. Erhalten sind heute etwa 650 Instrumente. Seine goldene Periode wird meist auf 1700 bis 1720 datiert, in der englischsprachigen Wikipedia auf 1700 bis 1725.

Was macht Stradivari-Violinen so besonders?

Warum diese Instrumente so geschätzt werden, ist wissenschaftlich weniger klar, als der Markt vermuten lässt:

  • Holzdichte: Henri Grissino-Mayer und Lloyd Burckle führten 2003 in Dendrochronologia die Qualität auf besonders dichtes Holz aus der Kälteperiode um 1645 bis 1750 zurück.
  • Lack: Der Chemiker Jean-Philippe Echard wies nach, dass Stradivari mit in Cremona üblichem Harz, Öl und Pigment arbeitete — keine Geheimrezeptur.
  • Bauweise: Ab den 1690er Jahren wechselte Stradivari zu größeren Modellen und einem dunkleren, satteren Lack als bei Amati.
  • Blindtests: Claudia Fritz und Kollegen zeigten 2012 in PNAS, dass erfahrene Spieler alte und neue Geigen nicht zuverlässig unterscheiden. In der Folgestudie von 2014 (Soloist evaluations of six Old Italian and six new violins) schnitten moderne Instrumente bei der Klangprojektion im Saal sogar besser ab.

Die englischsprachige Wikipedia fasst den Forschungsstand nüchtern zusammen: Weder Blindtests noch akustische Analysen haben je gezeigt, dass Stradivari-Instrumente anderen hochwertigen Geigen überlegen oder von ihnen zuverlässig unterscheidbar sind. Was ein einzelnes Instrument für eine bestimmte Spielerin wertvoll macht, ist damit nicht widerlegt — nur die generelle Überlegenheitsbehauptung.

Was Stradivari-Instrumente kosten und wo sie gehandelt werden

Der Referenzpreis der Branche stammt vom 21. Juni 2011: Damals versteigerte das Auktionshaus Tarisio die „Lady Blunt“ von 1721 für knapp zehn Millionen Pfund, umgerechnet rund 15,9 Millionen US-Dollar. Verkäuferin war die Nippon Music Foundation, der Erlös ging an die Opfer des Tōhoku-Erdbebens.

Was Mutters eigene Instrumente heute wert sind, ist nicht öffentlich bekannt — sie hat sich dazu nie geäußert, und Verkaufspreise historischer Geigen werden in aller Regel vertraulich behandelt. Wer im Netz Zahlen für die Lord Dunn-Raven oder die Emiliani liest, liest Schätzungen ohne Quelle.

Beim Handel mit solchen Instrumenten ist die Unterscheidung wichtig: Tarisio ist ein Auktionshaus, J & A Beare und Bein & Fushi sind Händler und Gutachter, die im Direktgeschäft verkaufen. Ein amtliches deutsches „Geigenbauinstitut Mittenwald“ als Gutachterinstanz existiert nicht; in Mittenwald gibt es das Geigenbaumuseum und die Berufsfachschule für Geigenbau, in Cremona das Museo del Violino.

Welche Geigen andere Spitzensolisten spielen

Mutter ist eine der wenigen Solistinnen, die ihre historischen Instrumente selbst besitzen. Bei Kolleginnen und Kollegen wechseln Instrumente häufiger — Angaben aus älteren Artikeln sind deshalb oft überholt.

SolistInstrumentAnmerkung
Itzhak PerlmanStradivari „Soil“ (1714)Früher im Besitz von Yehudi Menuhin; dazu eine Guarneri del Gesù „Sauret“ (1743)
Maxim VengerovStradivari „ex-Kreutzer“ (1727)1998 bei Christie’s für 947.500 Pfund ersteigert
Janine JansenStradivari von 1715 („Rode, Duke of Cambridge“)Seit September 2020 von einem europäischen Mäzen zur Verfügung gestellt; zuvor die „Barrere“ (1727) über die Stradivari Society in Chicago
Leonidas KavakosStradivari „Willemotte“ (1734)In seinem Besitz seit 2017; vorher die „Abergavenny“ (1724) — keine Guarneri
Jascha HeifetzGuarneri del Gesù „ex David“ (1742)Sein bevorzugtes Instrument bis zum Lebensende; heute im Legion of Honor Museum, San Francisco

Guarneri del Gesù (1698 bis 1744) gilt als der einzige ernsthafte Rivale Stradivaris. Bei Leonidas Kavakos ist die oft wiederholte Guarneri-Zuschreibung allerdings falsch — er spielt seit 2017 eine Stradivari.

Was Mutter auf diesen Instrumenten eingespielt hat

Seit dem Kauf der Lord Dunn-Raven 1984 fällt ein Großteil ihrer Arbeit an der zeitgenössischen Musik an. Zahlreiche Komponisten haben für sie geschrieben, darunter:

  • Witold LutosławskiChain 2 (Uraufführung 1986)
  • Wolfgang RihmGesungene Zeit (1992), Lichtes Spiel und Dyade (beide 2010)
  • Krzysztof Penderecki — Violinkonzert Nr. 2 Metamorphosen (1995), Grammy 1999
  • André Previn — Violinkonzert „Anne-Sophie“ (komponiert 2001), Grammy 2005
  • Henri DutilleuxSur le même accord (2002)
  • Sofia Gubaidulina — Violinkonzert Nr. 2 In tempus praesens (2007)
  • John WilliamsMarkings (2017) und Violinkonzert Nr. 2 (2021)

Mutter hat vier Grammys gewonnen. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (1987), des Ernst von Siemens Musikpreises (2008), des Polar Music Prize und des Praemium Imperiale (beide 2019).

2026 begeht sie ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum, gerechnet ab dem Luzerner Debüt von 1976. Die Deutsche Grammophon veröffentlichte dazu am 12. Januar 2026 die Zusammenstellung The Nature of Anne-Sophie Mutter, gefolgt von den Alben My London (Februar), My Berlin (Juni) und My Lucerne (August 2026). Am selben Tag wurde eine Aufnahmepartnerschaft mit dem Label Alpha Classics für die Reihe ASM Forte Forward bekannt gegeben. Im September 2026 spielt sie in Luzern Pendereckis zweites Violinkonzert mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra.

Häufige Fragen

Welche Stradivari spielt Anne-Sophie Mutter hauptsächlich?

Die „Lord Dunn-Raven“ von 1710. Sie kaufte das Instrument 1984 bei Bein & Fushi in Chicago. Daneben besitzt sie die „Emiliani“ von 1703.

Gehören Anne-Sophie Mutter ihre Geigen selbst?

Ja. Anders als bei vielen Spitzensolisten handelt es sich nicht um Leihgaben einer Stiftung. Die englischsprachige Wikipedia nennt für beide Instrumente Kaufjahr und Händler: 1979 J & A Beare in London, 1984 Bein & Fushi in Chicago.

Wie viel ist Anne-Sophie Mutters Geige wert?

Dazu gibt es keine belastbare Angabe. Weder Mutter noch die Händler haben Preise veröffentlicht. Als Vergleichsgröße dient der bislang höchste Auktionspreis: 15,9 Millionen US-Dollar für die „Lady Blunt“ 2011 bei Tarisio.

Wie hat Karajan Anne-Sophie Mutter entdeckt?

Er hörte sie 1976 beim Lucerne Festival, wo sie am 23. August ihr Recital-Debüt gab. Ein Jugendmusikwettbewerb war es nicht. Das Debüt mit den Berliner Philharmonikern folgte am 29. Mai 1977 bei den Salzburger Pfingstkonzerten.

Klingen Stradivari-Geigen wirklich besser als moderne Instrumente?

Das ist nicht nachgewiesen. In den Blindtests von Claudia Fritz und Kollegen (PNAS 2012 und 2014) konnten selbst Profis alte und neue Geigen nicht zuverlässig unterscheiden; in der Studie von 2014 wurden moderne Instrumente bei der Klangprojektion sogar bevorzugt.

Wie viele Stradivari-Instrumente gibt es noch?

Rund 650 von etwa 1.100 gebauten Instrumenten sind erhalten, darunter je nach Zählung 450 bis 512 Violinen. Der Rest verteilt sich auf Bratschen, Celli und andere Instrumente.

Quellen

  • https://en.wikipedia.org/wiki/Anne-Sophie_Mutter — Instrumente, Kaufjahre und Händler, Lucerne-Debüt 1976, Uraufführungen
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Anne-Sophie_Mutter — Pfingstkonzerte 1977, Auszeichnungen, Diskografie
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Antonio_Stradivari — Zahl der Instrumente, goldene Periode, Lady-Blunt-Auktion 2011
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Stradivarius — Blindtests von Fritz et al., Grissino-Mayer & Burckle, Lackforschung von Echard
  • https://www.deutschegrammophon.com/en/artists/anne-sophie-mutter — Debütaufnahme 1978, Veröffentlichungen 2026
  • https://www.anne-sophie-mutter.de/en/ — Jubiläumsjahr 2026, Alpha Classics, Konzerte in Luzern
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Janine_Jansen und https://en.wikipedia.org/wiki/Leonidas_Kavakos — aktuelle Instrumente anderer Solisten

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