
Kurz beantwortet
Orson Welles (6. Mai 1915 in Kenosha, Wisconsin – 10. Oktober 1985 in Los Angeles) war Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler zugleich. Sein Debüt „Citizen Kane“ (1941) brachte ihm den Oscar für das beste Originaldrehbuch, nicht für die Regie. Als Schauspieler blieb er vor allem als Harry Lime in „Der dritte Mann“ (1949) im Gedächtnis.
Das Wichtigste in Kürze
- Welles wurde am 6. Mai 1915 in Kenosha (Wisconsin) geboren und starb am 10. Oktober 1985 in Los Angeles.
- Seinen einzigen Wettbewerbs-Oscar gewann er 1942 für das beste Originaldrehbuch zu „Citizen Kane“ – gemeinsam mit Herman J. Mankiewicz.
- Für „Citizen Kane“ war er außerdem als Regisseur und als Hauptdarsteller nominiert; gewonnen hat er in diesen Kategorien nicht.
- 1971 erhielt er bei der 43. Oscarverleihung einen Ehrenoscar, 1975 den AFI Life Achievement Award.
- Seine Bühnenlaufbahn begann am 13. Oktober 1931 am Gate Theatre in Dublin; 1937 gründete er mit John Houseman das Mercury Theatre.
- Die Radiofassung von „Der Krieg der Welten“ lief am 30. Oktober 1938. Die Erzählung von einer landesweiten Massenpanik gilt heute als stark übertrieben.
- In „Der dritte Mann“ (1949) spielte er Harry Lime – Regie führte dort Carol Reed, nicht Welles.
- Sein 1970 bis 1976 gedrehter Film „The Other Side of the Wind“ wurde erst 2018 fertiggestellt und veröffentlicht.
Herkunft, Theater und der Weg nach Hollywood
George Orson Welles kam am 6. Mai 1915 in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin zur Welt. Seine Bühnenlaufbahn begann nicht in den USA, sondern in Irland: Am 13. Oktober 1931 stand der Sechzehnjährige am Dubliner Gate Theatre in einer Bühnenfassung von „Jud Süß“ als Herzog Karl Alexander von Württemberg auf der Bühne.
In den 1930er Jahren arbeitete Welles für das Federal Theatre Project, ein Kulturprogramm des New Deal. In dessen Rahmen inszenierte er den sogenannten „Voodoo-Macbeth“, der am 14. April 1936 am Lafayette Theatre in Harlem mit ausschließlich afroamerikanischer Besetzung Premiere hatte. Die vielzitierte Inszenierung von „Julius Caesar“ in moderner Kleidung folgte am 11. November 1937 – sie gehörte bereits zum Mercury Theatre, das Welles im selben Jahr mit John Houseman als unabhängige Truppe gegründet hatte.
„Der Krieg der Welten“ 1938 – was belegt ist und was nicht
Am 30. Oktober 1938 sendete die Reihe „The Mercury Theatre on the Air“ eine Hörspielfassung von H. G. Wells’ Roman „Der Krieg der Welten“. Die Bearbeitung war als Folge fiktiver Nachrichtenmeldungen über eine Marsinvasion aufgebaut. Belegt ist das Sendedatum, die Form der Bearbeitung und die anschließende Pressereaktion.
Nicht belegt ist die populäre Fortsetzung der Geschichte. Die Darstellung, die Sendung habe an der US-Ostküste eine Massenpanik ausgelöst, wird sowohl in der deutsch- als auch in der englischsprachigen Wikipedia ausdrücklich relativiert: Das Ausmaß der angeblichen Verwirrung ist umstritten, und vieles spricht dafür, dass die Panik-Erzählung in erster Linie ein Produkt der damaligen Boulevardpresse war. Sie gehört damit in die Rezeptionsgeschichte der Sendung, nicht in ihre Wirkungsgeschichte.
„Citizen Kane“ und der Oscar – welche Kategorie wirklich stimmt
RKO Pictures holte Welles Ende der 1930er Jahre nach Hollywood. Sein Kinodebüt „Citizen Kane“ kam 1941 heraus; Welles war Regisseur, Ko-Autor, Produzent und Hauptdarsteller (Charles Foster Kane) in einer Person. Der Film erhielt bei der 14. Oscarverleihung 1942 neun Nominierungen und gewann eine einzige Auszeichnung: den Oscar für das beste Originaldrehbuch, den Welles gemeinsam mit Herman J. Mankiewicz entgegennahm.
Die verbreitete Behauptung, Welles habe für „Citizen Kane“ den Regie-Oscar gewonnen, ist falsch. In der Kategorie Regie war er nominiert, der Preis ging an John Ford. Auch als bester Hauptdarsteller blieb es bei der Nominierung. Die Nominierung als bester Film lief nach damaliger Praxis auf die Produktionsfirma Mercury, nicht auf Welles persönlich.
Die Nachwirkung des Films lässt sich an zwei Ranglisten ablesen: In der Kritikerumfrage der britischen Zeitschrift Sight and Sound stand „Citizen Kane“ von 1962 bis 2002 auf Platz eins, wurde 2012 von „Vertigo“ abgelöst und belegte 2022 Rang drei. Auf der Liste AFI’s 100 Years…100 Movies des American Film Institute steht der Film auf Platz eins.
Filmografie als Regisseur
Welles arbeitete in einer Person als Regisseur, Autor, Produzent und Darsteller. Eine Filmografie, die diese Funktionen vermischt, führt in die Irre. Die folgende Tabelle listet deshalb ausschließlich Kinofilme, bei denen er selbst Regie führte.
| Jahr | Deutscher Titel | Originaltitel | Rolle bzw. Funktion | Regie |
|---|---|---|---|---|
| 1941 | Citizen Kane | Citizen Kane | Regie, Drehbuch (mit Herman J. Mankiewicz), Produktion, Hauptrolle Charles Foster Kane | Orson Welles |
| 1942 | Der Glanz des Hauses Amberson | The Magnificent Ambersons | Regie, Drehbuch, Erzählerstimme | Orson Welles |
| 1946 | Die Spur des Fremden | The Stranger | Regie, Rolle Franz Kindler | Orson Welles |
| 1947 | Die Lady von Shanghai | The Lady from Shanghai | Regie, Drehbuch, Rolle Michael O’Hara | Orson Welles |
| 1948 | Macbeth – Der Königsmörder | Macbeth | Regie, Titelrolle | Orson Welles |
| 1952 | Orson Welles’ Othello | The Tragedy of Othello: The Moor of Venice | Regie, Titelrolle; Grand Prix in Cannes | Orson Welles |
| 1955 | Herr Satan persönlich | Mr. Arkadin | Regie, Drehbuch, Titelrolle | Orson Welles |
| 1958 | Im Zeichen des Bösen | Touch of Evil | Regie, Drehbuch, Rolle Police Captain Hank Quinlan | Orson Welles |
| 1962 | Der Prozeß | Le procès | Regie, Drehbuch, Rolle Advokat Albert Hastler | Orson Welles |
| 1965 | Falstaff | Chimes at Midnight / Campanadas a medianoche | Regie, Drehbuch, Titelrolle Sir John Falstaff | Orson Welles |
| 1968 | Stunde der Wahrheit | Une histoire immortelle | Regie, Rolle Mr. Clay | Orson Welles |
| 1974 | F wie Fälschung | F for Fake | Regie, Drehbuch, Auftritt als er selbst | Orson Welles |
| 2018 | The Other Side of the Wind | The Other Side of the Wind | Regie, Drehbuch; 1970–1976 gedreht, posthum fertiggestellt | Orson Welles |
„Der Prozeß“ verfilmte den Roman von Franz Kafka; Anthony Perkins spielte Josef K., Welles selbst dessen Anwalt. „Falstaff“ verdichtete fünf Shakespeare-Stücke – vor allem „Heinrich IV.“ Teil 1 und 2 – zu einer Erzählung um Sir John Falstaff. „Im Zeichen des Bösen“ wurde 1998 von Walter Murch anhand eines 58-seitigen Memos von Welles neu montiert.
Filmografie als Schauspieler bei anderen Regisseuren
Einen großen Teil seiner Rollen übernahm Welles, um eigene Projekte zu finanzieren. Die bekannteste stammt nicht aus seiner Regiearbeit: Harry Lime in „Der dritte Mann“, inszeniert von Carol Reed nach einem Drehbuch von Graham Greene.
| Jahr | Deutscher Titel | Originaltitel | Rolle bzw. Funktion | Regie |
|---|---|---|---|---|
| 1943 | Die Waise von Lowood | Jane Eyre | Edward Rochester | Robert Stevenson |
| 1943 | Von Agenten gejagt | Journey into Fear | Colonel Haki; zudem am Drehbuch beteiligt | Norman Foster |
| 1949 | Der dritte Mann | The Third Man | Harry Lime | Carol Reed |
| 1956 | Moby Dick | Moby Dick | Pater Mapple | John Huston |
| 1958 | Der lange heiße Sommer | The Long, Hot Summer | Will Varner | Martin Ritt |
| 1959 | Der Zwang zum Bösen | Compulsion | Jonathan Wilk | Richard Fleischer |
| 1961 | König der Könige | King of Kings | Erzähler (Stimme) | Nicholas Ray |
| 1966 | Ein Mann zu jeder Jahreszeit | A Man for All Seasons | Kardinal Wolsey | Fred Zinnemann |
| 1970 | Catch-22 – Der böse Trick | Catch-22 | General Dreedle | Mike Nichols |
| 1970 | Waterloo | Waterloo | Ludwig XVIII. | Sergei Bondartschuk |
| 1979 | Muppet Movie | The Muppet Movie | Lew Lord | James Frawley |
| 1986 | Transformers – Der Kampf um Cybertron | The Transformers: The Movie | Unicron (Stimme) | Nelson Shin |

Konflikte mit den Studios und unvollendete Projekte
Der Konflikt um „Citizen Kane“ betraf den Medienunternehmer William Randolph Hearst, dessen Biografie erkennbare Züge zur Titelfigur beitrug. Hearst und die von ihm kontrollierten Zeitungen arbeiteten gegen den Film.
Bei „Der Glanz des Hauses Amberson“ griff RKO nach Testvorführungen in die Montage ein, während Welles in Südamerika arbeitete. Die von ihm verantwortete Fassung existiert nicht mehr. Mehrere weitere Vorhaben blieben zu seinen Lebzeiten unvollendet, darunter „Don Quijote“ (gedreht 1957 bis 1969), „The Deep“ und eine Verfilmung des „Kaufmann von Venedig“. Sie wurden erst nach seinem Tod in rekonstruierten Fassungen gezeigt.
„The Other Side of the Wind“ – der Film nach 42 Jahren
Von August 1970 bis Januar 1976 drehte Welles „The Other Side of the Wind“, ein Porträt eines alternden Hollywood-Regisseurs. Die Hauptrolle des J. J. „Jake“ Hannaford übernahm John Huston; Welles selbst trat nicht als Darsteller auf. Nach 1976 blockierten Rechtsstreitigkeiten das Material.
2014 erwarb Royal Road Entertainment die Rechte, 2015 brachte eine Crowdfunding-Kampagne über 400.000 US-Dollar ein, 2017 finanzierte Netflix die Fertigstellung. Peter Bogdanovich und Produzent Frank Marshall verantworteten den Abschluss. Die Weltpremiere fand am 31. August 2018 bei den Filmfestspielen von Venedig statt, am 2. November 2018 erschien der Film bei Netflix.
Auszeichnungen im Überblick
| Jahr | Auszeichnung | Werk bzw. Anlass | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 1942 (14. Oscarverleihung) | Oscar, bestes Originaldrehbuch (mit Herman J. Mankiewicz) | Citizen Kane | gewonnen |
| 1942 | Oscar, beste Regie | Citizen Kane | nominiert |
| 1942 | Oscar, bester Hauptdarsteller | Citizen Kane | nominiert |
| 1952 | Grand Prix, Filmfestspiele von Cannes | Othello | gewonnen |
| 1971 (43. Oscarverleihung) | Ehrenoscar | Gesamtwerk | gewonnen |
| 1975 | AFI Life Achievement Award | Gesamtwerk | gewonnen |
Lebensende und Nachwirkung
Orson Welles starb am 10. Oktober 1985 in Los Angeles im Alter von 70 Jahren. Seine letzte Filmarbeit war die Sprechrolle des Unicron in „The Transformers: The Movie“, der 1986 in die Kinos kam. Was von seinem Werk bleibt, lässt sich an den genannten Ranglisten und an der jahrzehntelangen Restaurierungsarbeit an seinen Filmen ablesen – zuletzt an der Fertigstellung von „The Other Side of the Wind“ im Jahr 2018.
Häufige Fragen
Hat Orson Welles für „Citizen Kane“ den Regie-Oscar bekommen?
Nein. Bei der 14. Oscarverleihung 1942 war er in der Kategorie Regie nur nominiert. Gewonnen hat er den Oscar für das beste Originaldrehbuch, gemeinsam mit Herman J. Mankiewicz. Von neun Nominierungen setzte sich „Citizen Kane“ ausschließlich in dieser Kategorie durch.
Führte Welles bei „Der dritte Mann“ Regie?
Nein. „Der dritte Mann“ erschien 1949 unter der Regie von Carol Reed, das Drehbuch schrieb Graham Greene. Welles war dort ausschließlich Darsteller und spielte Harry Lime an der Seite von Joseph Cotten.
Löste das Hörspiel „Der Krieg der Welten“ eine Massenpanik aus?
Die Sendung lief am 30. Oktober 1938. Ob sie tatsächlich eine Massenpanik auslöste, ist umstritten. Das Ausmaß der Verwirrung wird in der Forschung angezweifelt; vieles spricht dafür, dass die Panik-Erzählung von der damaligen Boulevardpresse geschaffen wurde.
Wann erhielt Orson Welles seinen Ehrenoscar?
Der Ehrenoscar wurde ihm bei der 43. Oscarverleihung im Jahr 1971 zuerkannt. Vier Jahre später, 1975, erhielt er zudem den AFI Life Achievement Award des American Film Institute.
Wann erschien „The Other Side of the Wind“?
Welles drehte den Film zwischen August 1970 und Januar 1976, konnte ihn aber nicht abschließen. Peter Bogdanovich und Frank Marshall stellten ihn fertig. Premiere war am 31. August 2018 in Venedig, die Veröffentlichung bei Netflix folgte am 2. November 2018.
Quellen
- Wikipedia (deutsch): Orson Welles – Biografie, Filmografie, Hörspiele
- Wikipedia (englisch): Orson Welles – Theater, Radio, Auszeichnungen
- Academy of Motion Picture Arts and Sciences: 14. Oscarverleihung 1942 – Nominierungen und Gewinner
- Academy of Motion Picture Arts and Sciences: 43. Oscarverleihung 1971 – Ehrenoscar
- British Film Institute: Sight and Sound, The Greatest Films of All Time
- American Film Institute: AFI’s 100 Years…100 Movies
- Wikipedia (englisch): The Other Side of the Wind – Produktion und Fertigstellung